1. Einleitung
Viele Führungskräfte kennen den Begriff „Gemba Walk“ – sie gehen regelmäßig durch die Produktion oder durch Büros, um sich ein Bild von den Abläufen zu machen. Doch Hand aufs Herz: Wie oft bleibt es dabei nur bei einem Spaziergang ohne echte Wirkung?
Das Lean-Prinzip Go to Gemba bedeutet, dorthin zu gehen, wo Wertschöpfung passiert. In der Praxis wird dieses Führungsinstrument jedoch häufig verwässert: Es wird beobachtet, vielleicht auch kurz nachgefragt – aber häufig fehlt es an
- konkreten Zielen
- dem Fokus darauf, was ganz gewusst wahrgenommen werden soll
- sowie Standards und Routinen, um mit go to Gemba
den Betrieb zu einem nachhaltigen Erfolg zu führen
In diesem Beitrag erfährst du, was hinter den Begriffen steckt, warum sie zusammengehören und wie du einen erfolgreichen Gemba/Muda Walk durchführst.
2. Was bedeutet „Go to Gemba“?
„Gemba“ stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „der reale Ort“ – dort, wo etwas tatsächlich geschieht. Im Lean-Kontext ist damit der Ort der Wertschöpfung gemeint: die Werkhalle, die Montagelinie, das Servicecenter oder auch das Büro.
Go to Gemba ist ein zentrales Führungsprinzip im Toyota Production System. Die Idee: Probleme werden nicht am Schreibtisch oder in Besprechungsräumen gelöst, sondern direkt dort, wo sie entstehen.
Ein Gemba Walk hat drei zentrale Ziele:
Sehen, was wirklich passiert – nicht nur Berichte lesen.
Verstehen, warum es so passiert – durch Beobachtung und Dialog.
Verbessern, was nicht funktioniert – gemeinsam mit den Mitarbeitern.
3. Der „Muda Walk“ – Verschwendung sichtbar machen
In der Einleitung habe ich bereits das Fehlen des Fokus angesprochen. Indem beispielsweise der Schwerpunkt eines go to Gemba auf das Identifizieren von Verschwendung gereichte wird, lässt sich sehr leicht ein Muda Walk in einer entsprechenden Begehung einbetten.
„Muda“ bedeutet im Japanischen „Verschwendung“. Im Lean Management unterscheidet man sieben klassische Arten der Verschwendung (oft um eine achte ergänzt):
Überproduktion – mehr herstellen, als benötigt wird.
Wartezeiten – Mitarbeiter oder Maschinen stehen still.
Transport – unnötige Wege und Bewegungen.
Überbearbeitung – mehr Aufwand oder Qualität als erforderlich.
Bestände – zu hohe Lagerbestände binden Kapital.
Bewegung – unnötige Handgriffe, Suchen, Bücken.
Fehler/Nacharbeit – Ausschuss oder Korrekturen.
Nicht genutztes Potenzial der Mitarbeiter (oft als achte Art genannt).
Ein Muda Walk ist eine strukturierte Beobachtung am Arbeitsplatz, die sich genau auf diese Verschwendungen konzentriert. Ziel ist es, diese sichtbar zu machen, mit den Mitarbeitern zu diskutieren und Verbesserungen einzuleiten.
Weitere Informationen zu Muda - einschließlich der dazugehörigen Muda-Walk Checkliste finden Sie in meinem Blogbeitrag: Muda sichtbar machen
4. Warum Gemba & Muda zusammengehören
Ein Gemba Walk ohne klaren Fokus läuft Gefahr, zu einer bloßen Routineübung zu werden. Ebenso bleibt ein Muda-Workshop ohne echtes „Go to Gemba“ schnell theoretisch.
Die Kombination ist daher so stark:
Go to Gemba sorgt für die Nähe zum Ort des Geschehens.
Muda Walk lenkt den Blick gezielt auf Verschwendung.
Doch beide Verfahren haben auch wichtige Gemeinsamkeiten:
Sie holen Führungskräfte raus aus dem Krawattensilo – und runter in die Produktion.
Beide sind Bestandteile des Lean Manufacturings, einem weltweit anerkannten Best-Practice-Managementsystem.
Sie helfen, Betriebsblindheit vorzubeugen und den Blick für das Wesentliche zu schärfen.
Sie fördern die Kommunikation über Hierarchieebenen hinweg, da Führungskräfte direkt mit den Mitarbeitern im Austausch sind.
Sie sind Ausdruck einer gelebten Fehlerkultur: Probleme werden sichtbar gemacht, offen angesprochen und als Chance zur Verbesserung verstanden.
Ergebnis: Führungskräfte sehen nicht nur Probleme – sie verstehen deren Ursachen, vermeiden Betriebsblindheit und bauen gleichzeitig Vertrauen in ihre Teams auf.
5. Leitfragen für einen erfolgreichen Muda/Gemba Walk
Damit ein Walk Wirkung zeigt, helfen fünf Leitfragen:
Zweck und Ziel
Was ist das Ziel dieses Walks? (z. B. Wartezeiten reduzieren, Sicherheit prüfen)
Gehe ich zum Lernen oder zum Bewerten?
Beobachtung
Welche Arten von Verschwendung erkenne ich konkret?
Gibt es Abweichungen vom Standard?
Dialog mit Mitarbeitern
Welche Hindernisse sehen die Mitarbeiter?
Welche Ideen für Verbesserungen gibt es vor Ort?
Follow-up & Wirkung
Welche Quick Wins können sofort umgesetzt werden?
Welche Themen gehören in den KVP-Prozess?
Führungsrolle & Kultur
Bin ich als Coach unterwegs oder als Kontrolleur?
Fördere ich Lernen – oder erzeuge ich Angst?
6. Praxis-Tipps für den nächsten Walk
Vorbereitung ist entscheidend: Definiere ein klares Ziel, wähle den Prozess aus und informiere die Beteiligten.
Beobachte mit offenen Augen: Suche nicht nach Schuldigen, sondern nach Ursachen.
Sprich mit den Menschen: Stelle Fragen, höre zu, ermutige.
Handele sofort: Kleine Verbesserungen direkt umsetzen – so entsteht Dynamik.
Dokumentiere sichtbar: Ergebnisse und Maßnahmen am Shopfloor-Board festhalten.
7. Häufige Fehler beim Gemba/Muda Walk
Nur durchlaufen, ohne hinzusehen.
Gespräche vermeiden und lediglich kontrollieren.
Keine Rückmeldung an die Mitarbeiter geben.
Erkenntnisse versanden, weil sie nicht konsequent verfolgt werden.
8. Fazit
Ein Gemba Walk ist mehr als ein Rundgang – und ein Muda Walk mehr als eine Checkliste. Erst die Kombination macht den Unterschied: Gehe dorthin, wo Wertschöpfung passiert, erkenne Verschwendung und löse sie gemeinsam mit den Menschen vor Ort.
Damit du beim nächsten Mal nichts übersiehst, haben wir eine kompakte Go to Gemba-Checkliste erstellt. Lade sie Dir herunter und starte strukturiert und erfolgreich mit deinem nächsten Walk sofort in die Praxis!
Go to Gemba Checkliste zum Download.
9. FAQ – Häufige Fragen zum Thema
1. Was ist der Unterschied zwischen Gemba Walk und Muda Walk?
Ein Gemba Walk bedeutet grundsätzlich, „an den Ort des Geschehens“ zu gehen, also dorthin, wo Wertschöpfung passiert. Ziel ist es, die Realität im Prozess zu sehen und im Dialog mit den Mitarbeitern Probleme zu verstehen. Ein Muda Walk hingegen ist eine spezielle Form des Gemba Walks mit klarem Fokus: das Erkennen der sieben Verschwendungsarten (Muda). Man könnte sagen: Jeder Muda Walk ist ein Gemba Walk – aber nicht jeder Gemba Walk ist automatisch ein Muda Walk.
2. Wie oft sollte man einen Gemba/Muda Walk durchführen?
Regelmäßigkeit ist entscheidend. Viele erfolgreiche Lean-Unternehmen führen Gemba Walks wöchentlich oder sogar täglich in kurzen Sequenzen durch. Entscheidend ist nicht die Häufigkeit allein, sondern die Kontinuität: Nur wenn Walks fest in die Führungsroutine integriert sind, entfalten sie Wirkung. Tipp: Lieber kurze, aber regelmäßige Walks, als sporadische „Großaktionen“.
3. Wer sollte teilnehmen – nur Führungskräfte oder auch Mitarbeiter?
Ein Gemba Walk ist in erster Linie ein Führungsinstrument. Führungskräfte sollen Präsenz zeigen, die Realität wahrnehmen und lernen. Gleichzeitig ist es wichtig, Mitarbeiter aktiv einzubeziehen: Sie sind die Experten ihrer Prozesse, sie kennen Hindernisse und Verschwendungen im Detail. Ein erfolgreicher Walk lebt vom Dialog – nicht vom Monolog.
4. Wie lange dauert ein typischer Walk?
Die Dauer hängt von Ziel und Umfang ab. In der Regel sind 20–60 Minuten sinnvoll. Ein kurzer, fokussierter Walk zu einem spezifischen Thema (z. B. Materialfluss) kann 20 Minuten dauern. Ein breiter angelegter Muda Walk durch mehrere Stationen kann bis zu einer Stunde beanspruchen. Wichtig ist, dass der Walk konzentriert bleibt – ein Marathonrundgang verliert an Wirkung.
5. Welche Hilfsmittel sind sinnvoll (Checkliste, Tablet, Fotos)?
Eine Checkliste ist ideal, um den Blick zu schärfen und nichts zu vergessen. Viele nutzen zusätzlich ein Tablet oder Notizbuch, um Beobachtungen festzuhalten. Fotos können Verschwendungen und andere Beobachtungen anschaulich dokumentieren – aber bitte immer mit Respekt und nach Absprache mit den Mitarbeitern. Ein weiteres bewährtes Hilfsmittel: das Shopfloor-Board, an dem Beobachtungen sofort sichtbar gemacht werden.
6. Kann man Muda Walks auch im Büro/Verwaltung durchführen?
Absolut! Lean ist nicht auf die Produktion beschränkt. Auch in der Administration gibt es Verschwendung:
Wartezeiten bei Freigaben
Doppelarbeiten durch fehlende Transparenz
Unnötige Meetings oder lange E-Mail-Ketten
Suchen nach Informationen in chaotischen Ablagestrukturen
Gerade hier lohnt sich der Muda Walk, um Prozesse zu verschlanken und Effizienzpotenziale zu heben.
7. Wie unterscheidet man Beobachtung von Kontrolle?
Der entscheidende Unterschied liegt in der Haltung:
Beobachtung bedeutet, neugierig Fragen zu stellen, zuzuhören und verstehen zu wollen. („Warum passiert das so?“)
Kontrolle bedeutet, Fehler zu suchen, Schuldige zu finden und zu bewerten.
Ein erfolgreicher Gemba/Muda Walk setzt auf eine fragende, respektvolle Grundhaltung. Nur so entsteht Vertrauen – und die Bereitschaft der Mitarbeiter, offen über Probleme zu sprechen.
8. Wie dokumentiert man die Ergebnisse am besten?
Das hängt von der Organisation ab, bewährt haben sich:
Stichpunkte und Fotos direkt beim Walk.
Digitale Tools wie KVP-Systeme oder Lean-Apps, um Beobachtungen festzuhalten.
Shopfloor-Boards, um Ergebnisse für alle sichtbar zu machen.
Wichtig ist weniger das Medium, sondern die Nachvollziehbarkeit: Ergebnisse müssen erfasst und in konkrete Maßnahmen überführt werden – sonst verliert der Walk an Glaubwürdigkeit.
9. Was passiert nach dem Walk?
Ein Gemba/Muda Walk ist kein Selbstzweck. Die Beobachtungen müssen zu konkreten Verbesserungen führen. Das bedeutet:
Quick Wins sofort umsetzen (z. B. bessere Werkzeuganordnung, visuelle Markierungen).
Größere Themen in den KVP- oder Kaizen-Prozess aufnehmen.
Rückmeldung an die Mitarbeiter geben („Wir haben das gesehen und so gelöst“).
Ohne Follow-up entsteht schnell Frust – mit sichtbaren Verbesserungen dagegen Vertrauen und Motivation.
10. Wie messe ich, ob der Walk erfolgreich war?
Erfolg lässt sich auf zwei Ebenen messen:
Hard Facts: Verbesserung von Kennzahlen wie Durchlaufzeiten, Ausschussquote, Bestände, Sicherheit.
Soft Facts: Wahrnehmung bei den Mitarbeitern („Die Führung interessiert sich wirklich“, „Unsere Ideen werden umgesetzt“).
Ein erfolgreicher Walk zeigt sich daran, dass Probleme schneller erkannt und gelöst werden – und dass Mitarbeiter den Nutzen aktiv spüren.
Über den Autor
Volker Rozek ist Experte für Lean Management und Qualitätsmanagement mit über 30 Jahren Praxiserfahrung in der Industrie.
Als Berater, Trainer und Speaker unterstützt er Unternehmen "hands on" dabei, Verschwendung zu eliminieren, Prozesse effizienter zu gestalten und eine nachhaltige Verbesserungskultur zu etablieren.
Sein Ansatz: Lean Management praxisnah, verständlich und mit einem Augenzwinkern vermitteln – damit es nicht nur Theorie bleibt, sondern im Alltag wirkt.
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